Archive for Mai, 2012

24th Mai
2012
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In der Mixdorfer Straße wurde eine Gruppe Jugendlicher, darunter einer mit migrantischem Hintergrund von einer Gruppe Erwachsener im Alter von 31 bis 48 Jahren rassistisch beleidigt und bedroht. Die Täter*innen konnten von der Polizei wenig später in einer Wohnung festgestellt werden. Zwei wurden in Gewahrsam genommen, die dritte Person erhielt nach der Personalienfeststellung einen Platzverweis. Die Kriminalpolizei ermittelt.

Quelle: Internetwache Brandenburg

Kommentare deaktiviert für Rassistische Parolen
19th Mai
2012
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Nun ist auch die neuste Entwicklung der Neonaziszene in der Region angekommen. Seit knapp drei Jahren organisieren sich Neonazis als „Autonome Nationalisten“.

In der Nacht vom 28. zum 29.August 2009 wurden in Eisenhüttenstadt Parolen gesprüht, die eindeutig dem Repertoire der autonomen Nationalisten zuzuordnen sind. „Nationaler Sozialismus Jetzt!“, „NS Revolution“ und „Gegen Kapitalismus!“ war auf Häuserwänden und Werbetafeln zu lesen. Diese galten sicherlich auch den ca. 70 Teilnehmer*innen 1 der antirassistischen Demonstration, die am 29. August 2009 durch Eisenhüttenstadt zog, um auf den institutionellen Rassismus in der Stadt mit Abschiebegefängnis und Zentraler Erstaufnahmestelle für Asylbewerber*innen aufmerksam zu machen.2 Am Rande der Demonstration tauchten des öfteren Personen auf, die zum Teil schwarze Kapuzenpullover und Basecaps trugen oder ein T-Shirt mit der Aufschrift „Fuck America“. Es handelte sich dabei unter anderem um Michael Meißner, Martin Schlechte, David Schulz und Jeffrey Windolf. Obwohl schon lange der rechten Szene zugehörig, sind sie vorher nie besonders in Erscheinung getreten. Heute sind sie Aktive der Gruppierung „Autonome Nationalisten Oder-Spree“.

David Schulz, Michael Meißner und Jeffrey Windolf (von l. nach r.) beobachten am 29. August 2009 eine Antirassistische Demonstration in Eisenhüttenstadt.

David Schulz, Michael Meißner und Jeffrey Windolf (von l. nach r.) beobachten am 29. August 2009 eine Antirassistische Demonstration in Eisenhüttenstadt.

Doch wie kommt es, dass sich Neonazis vermeintlich linker Parolen wie „Gegen Kapitalismus“ bedienen, mit Sprühschablonen hantieren und kein Problem damit haben, englische Slogans zu verwenden? Es ist auf den ersten Blick äußerst verwunderlich, dass sich Neonazis zu einer traditionell linken Aktionsform – die der „Autonomen“ – hingezogen fühlen. Um diese Frage zu beantworten, ist es wichtig, auf den Wandel der Neonaziszene einzugehen.

„Autonom, Militant, Nationaler Widerstand!“
Zur Entstehung der „Autonomen Nationalisten“

Schon immer gab es unter jungen Neonazis ein Abgrenzungsbedürfnis gegenüber vermeintlich bürgerlichen und etablierten Kräften. Somit ist auch die Entstehung der „Freien Kameradschaften“ Anfang der 1990er Jahre zu erklären. Der Beitritt der DDR zur BRD und der damit wiedergefundene gesamtdeutsche Nationalstolz verschaffte dem neonazistischen Spektrum einen ungeahnten Aufschwung und gab der Bewegung ein Selbstbewusstsein, was sich in den Pogromen unter anderem in Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda sowie auch in Eisenhüttenstadt im Jahre 1993 gewalttätig äußerte. Dem folgte eine Reihe von Verboten neonazistischer Organisationen. Lose Zusammenhänge ohne feste Struktur boten einen größeren Schutz vor Repression.
Außerdem war die Stammtischpolitik von NPD, DVU, REP und anderen rechten Parteien und Organisationen in den Hinterzimmern der Dorfkneipen vielen jungen, aktionsorientierten und gewaltbereiten Neonazis schnell zu bieder und widersprach dem Verlangen, auch außerhalb dieser für die Sache aktiv zu werden. Der Nazikader und erfahrene Neonazi-Aktivist Christian Worch versuchte 1996, erstmals das Label „Autonome Rechte“ in Abgrenzung zur NPD und dessen Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten (JN) zu etablieren. „Bevor ich das Rad neu erfinde, schaue ich mir an, ob irgendwo ein Rad läuft; dann schaue ich mir das Rad an und überlege, ob es für unsere Zwecke geeignet ist. […] Und weil der militante Teil der Linken (einschließlich der Antifaschistischen) sich damals autonom nannte bzw. einfach unter dem Namen‚ die Autonomen„ bekannt war, lag auf der Hand, den Begriff zu übernehmen und für uns zu variieren.“ 3
Die Bezeichnungen „Freie Kameradschaften“ und „Freie Nationalisten“ setzten sich letztendlich durch.
In den nächsten Jahren entstanden solche Gruppierungen flächendeckend im ganzen Bundesgebiet und waren neben den Parteistrukturen die treibende Kraft in der neonazistischen Szene.

Wie sich die Autonomen Nationalisten gerne geben: Militant und Kämpferisch. Unbekannt, Jan/Perleberg, Michael Meißner, Johannes/Beeskow, Marten Erlebach, Jeffrey Windolf und Danny Zink (von l. nach r., Screenshot von einem Jappy-Profil).

Wie sich die Autonomen Nationalisten gerne geben: Militant und Kämpferisch. Unbekannt,
Jan/Perleberg, Michael Meißner, Johannes/Beeskow, Marten Erlebach, Jeffrey Windolf und Danny Zink (von l. nach r., Screenshot von einem Jappy-Profil).

Im Jahre 2000 entwickelten sich Strukturen, welche die heute szenetypischen Merkmale erstmals aufwiesen. Im Ruhrgebiet wurde mit der Verwendung von Sprühschablonen versucht, Anschluss an Jugendkulturen zu gewinnen. In Berlin rief die „Kameradschaft Tor“, die auch im linksalternativen Kiez Berlin-Friedrichshain aktiv war, im Rahmen einer Demonstration erstmals zu einem „nationalen schwarzen Block“ mit zwar nur einigen Dutzenden Teilnehmer*innen auf, adaptierte aber damit eine Aktionsform, die sonst nur auf linken Demonstrationen vorzufinden ist und ihnen auch aus Berlin bekannt war. Damit befand sich die Szene des Kameradschaftsspektrums im Wandel – weg vom Outfit des typischen Skinheads mit Glatze und Springerstiefeln, hin zu Baseballcaps und schwarzen Kapuzenpullovern. Die Verwendung von Anglizismen, die höchst umstritten in der neonazistischen Szene ist, fand genauso Eingang wie die Verwendung von vermeintlich linken Parolen gegen Globalisierung, Kapitalismus oder Atomkraft. Dies sorgte innerhalb der etablierten rechten Kräfte für Unbehagen. Es folgte ein wieder größer werdendes Abgrenzungsbedürfnis der „Freien Kräfte“ und eine nach außen hin konsequentere Haltung gegenüber den bestehenden Verhältnissen. Trotzdem dauerte es einige Jahre, bis sich die Aktionsform des „nationalen schwarzen Blocks“ durchsetze. Am 1.Mai 2004 rief die „Kameradschaft Tor“ wieder zu einem „nationalen schwarzen Block“ auf, und schaffte es immerhin, 150 Leute zu mobilisieren. Die Attraktivität um das Eventversprechen, welches von dem Aufruf der „Kameradschaft Tor“ damals ausging, war für viele, gerade jüngere Neonazis so attraktiv, dass sich die Bezeichnung „Autonome Nationalisten“ bis 2006 im ganzen Bundesgebiet durchsetzte und heute einen wichtigen Teil des Kameradschaftsspektrums ausmacht. Mittlerweile gibt es in fast jedem größerem Staat in Europa Neonaziszenen, die sich der Bezeichnung „Autonome Nationalisten“ angenommen haben.

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Danny Zink wird am 01. Mai 2010 nach dem gescheiterten Aufmarschversuch in Berlin-Charlottenburg von der Polizei abgeführt.

Die noch junge Gruppierung der „Autonomen Nationalisten Oder-Spree“ hat verschiedene Ursprünge. Zum Einen konzentriert sich ein Großteil der Gruppe auf Eisenhüttenstadt, wo auch Michael Meißner wohnt, der den Aufbau der Gruppe maßgeblich forcierte. Nachdem es in den Jahren davor ruhig geworden war um die organisierten Neonazis in Eisenhüttenstadt, die noch Ende der 1990er und Anfang der 2000er durch rassistische Übergriffe und Anschläge auf den alternativen Jugendclub „Cafe Olé“ auf sich aufmerksam machten, tauchte die Beizeichnung „FK/NS-OS“ („Freundeskreis Nationale Sozialisten Oder Spree“) erstmals im Mai 2009 im Internet auf. Aufkleber aus dem Spektrum der „Freien Nationalisten“ wurden schon im Sommer 2007 in der Stadt verklebt. Der 25jährige Michael Meißner war am 26. Oktober 2006 auf einer Demonstration in Berlin zu sehen. Diese setzte sich für die Freilassung von Michael Regner alias „Lunikoff“, dem Frontsänger der als kriminellen Vereinigung verbotenen Neonaziband Landser, ein. Jedoch gehörte Michael Meißner damals noch nicht dem Spektrum der „Autonomen Nationalisten“ an. Der erste Neonazi, der öffentlich im Stil der „Autonomen Nationalisten“ mit schwarzem Windbreaker und sorgfältig aneinandergereihten Buttons am Basecap in der Stadt auftrat, war Danny Zink, der schon des öfteren durch Pöbeleien gegen alternative Jugendliche aufgefallen war. Dieser tauchte am 27. September 2008 in Königs Wusterhausen am Rande einer Antifademo in einer Gruppe von Neonazis auf, die dem Spektrum der „Autonomen Nationalisten“ zuzuordnen war. Am 17. Oktober 2009 nahm die Gruppe „Freundeskreis NS/OS“ erstmals geschlossen mit einem selbst gestaltetem Transparent an einer Demonstration in Leipzig teil. Mit dabei waren unter anderem Michael Meißner und Martin Schlechte aus Eisenhüttenstadt, sowie Marten Erlebach aus Frankfurt (Oder). Der 21jährige Marten Erlebach, welcher der rechten Hooligan-Gruppierung „FCV-Ultras“ nahe steht, trat das erste Mal am 13. September 2009 in Frankfurt (Oder) in Erscheinung. Zusammen mit Mitgliedern des NPD-Kreisverbandes Oderland hängte er Plakate für die damals anstehenden Landtagswahlen auf.4 Ein weiterer Akteur aus dem Spektrum der „FCV-Ultras“ ist der 20jährige, schon mehrmals vorbestrafte, Michael Hecke. In Brieskow-Finkenheerd aufgewachsen, trat er zunächst durch regelmäßiges Aufkleber-Verkleben in Erscheinung und stand schließlich wegen einer Attacke auf einen Polizisten während eines Demonstrationsversuches am 1. Mai 2010 vor Gericht.5 Mittlerweile wohnt dieser in Frankfurt (Oder). Im Stile der „Autonomen Nationalisten“ fiel er das erste Mal am 5. Dezember 2009 auf einer Demonstration in Königs Wusterhausen auf.
Allgemein ist es nicht verwunderlich, dass sich einige der FCV-Hooligans den „Autonomen Nationalisten Oder-Spree“ hingezogen fühlen. Es gibt viele Angebote, die auch für gewaltbereite, rechtsoffene Hooligans eine gewisse Attraktivität ausstrahlen, da sie einen ähnlichen Eventcharakter besitzen, wie es für das Verhalten der FCV-Hooligans üblich ist. Sei es der Demotourismus oder die Fahrt zum nächsten Auswärtsspiel, Reviermarkierung mit Parolen wie „Zona Nationalista“ oder „FCV Zone“ sowie die Äußerung des selbstverständlichen Gewaltethos und das dazugehörige Gefühl, einen „Kampf um die Straßen“ in der ostdeutschen Provinz zu dominieren.

,,Aktionen brauchen Leute, und Leute führen Aktionen durch! WERDE AKTIV in deiner Region!“:
Selbstinszenierung und Selbstdarstellung auf der Straße und im Internet

Ein weiteres Kennzeichen für den Wandel der rechten Szene ist die Form der Selbstdarstellung und Selbstinszenierung. Die Verwendung des Internets spielt dabei eine ebenso wichtige Rolle wie die Präsenz auf der Straße. So verfügen die „Autonomen Nationalisten Oder-Spree“ über zahlreiche Auftritte in sogenannten „social communities“. Sie sind auf den bekannten Seiten wie Myspace und Youtube vertreten, besaßen aber auch einen Account auf Facebook. Dort wurden Kontakte zu „Kamerad*innen“ und befreundeten Gruppen gepflegt und Musikinteressen ausgetauscht. Außerdem bieten diese Medien eine einfache und unkomplizierte Möglichkeit der Selbstdarstellung. Meist geht es über leicht verständliche Parolen nicht hinaus: Die Entschlossenheit und das Dagegensein stehen im Vordergrund, und wenn mal längere Texte auf der Internetseite veröffentlicht oder verlinkt wurden, dann unkommentiert – was von mangelndem Interesse an den Pamphleten zeugt. Glücklicherweise konnte im Juli 2010 die Internetseite sowie der Facebook-Account der „Autonomen Nationalisten Oder-Spree“ von Aktivist*innen der Datenantifa gehackt werden. Es stellte sich heraus, dass Michael Meißner die Domain „www.an-os.info“ unter seinem Namen registrierte und wohl auch die dazugehörigen Berichte von Demonstrationen verfasste.

Um jeden Preis präsent sein: Michael Meißner (links) posiert vor einem gerade von ihm gesprühten Graffiti.

Um jeden Preis präsent sein: Michael Meißner (links) posiert vor einem gerade von ihm gesprühten Graffiti.

Auf dem Youtube-Channel der Gruppe erschien im Mai 2010 ein „Aktionsvideo der AN-OS“. Dort präsentierten sie, mit kämpferischen Rechtsrock im Hintergrund, stolz ihre letzten Aktionen, die sie hauptsächlich in Eisenhüttenstadt und Frankfurt (Oder) durchführten. Es sind Aufnahmen von verschiedensten Aktionsformen zu sehen, die beispielhaft für den Aktionismus der Gruppe sind. Parolen werden massiv mithilfe von Spraydosen und Schablonen verbreitet, Plakate und Sticker verklebt, Schnipsel mit kurzen Losungen durch die Gegend geworfen, auch mit Kreide wird hantiert. Sprüche wie „Werde aktiv!“, „BRDigung stoppen!“ oder „NS-Jetzt!“ zählen zu den meistverbreiteten Slogans der Gruppe, wobei diese des Öfteren mit Rechtschreibfehlern gespickt sind. Im Mai 2011 tauchten dann auch entlang der Bundesstraße 112 zwischen Eisenhüttenstadt und Frankfurt (Oder) vermehrt die Kürzel der Gruppe („AN-OS“), sowie Sprüche, die sich gegen Antifa und Atomkraft richten sollten, auf. Einzelne Sprühereien gab es unter anderem noch in Erkner, Fürstenwalde, Beeskow, Storkow und sogar an Ausfahrtsschildern entlang der Autobahn 12. Diese Form von Reviermarkierung ist wichtiger Bestandteil des Aktionismus der Gruppe. Inhalte sind hintergründig, wichtig ist es, den Eindruck von Präsenz und größtmöglichen Einflussgebiet zu vermitteln.

Ein weiterer Bestandteil des Aktionismus ist die Beteiligung der Gruppe an nahezu allen regionalen und bedeutenden überregionalen Aufmärschen. Hierbei steht der Erlebnis- und Eventcharakter der Ausflüge im Vordergrund. Zum Beispiel wollte die Gruppe am 16. Oktober 2010 an einen von „Autonomen Nationalisten“ organisierten Sternmarsch in Leipzig teilnehmen. Aufgrund des Verbots der Veranstaltung und der entschlossenen Blockade des Aufmarschortes blieb den angereisten Neonazis aus Brandenburg nichts anderes übrig, als „spontan“ in einem Vorort von Leipzig aufzumarschieren. Auf der Internetseite der „AN-OS“ folgte schon am nächsten Tag ein ausführlicher Bericht der vorangegangen Erlebnisse. Mit jugendlicher Begeisterung wurde von den Auseinandersetzungen mit der Polizei berichtet, dem Zusammenhalt unter den ca. 200 Kamerad*innen im schwarzen Block und dem erfolgreichen Aufmarschieren in einem Wohngebiet von Geithain (Sachsen). Das eigentliche Ziel, einen Sternmarsch mit vier Demonstrationszügen im Zentrum von Leipzig durchzuführen, wurde nur am Rande erwähnt. Im Vordergrund stand das Abenteuer „Spontandemo“ und das scheinbar befriedigende Gefühl, einen erfolgreichen Tag für die Durchsetzung des „nationalen Sozialismus“ durchlebt zu haben. Genau dieses Angebot machen die identitätsstiftenden Aufmärsche der „Autonomen Nationalisten“ gerade für junge, männliche Neonazis so attraktiv. Es ist allerdings zweifelhaft, dass ein Mob von 200 schwarz vermummten, militant auftretenden Personen eine gewisse „Volksnähe“ in einer Kleinstadt ausübt und damit auf den angeblich anstehenden „Volkstod“ aufmerksam machen könnte.

Popkultur vs. NS-Nostalgie

Der Gebrauch von pop- und jugendkulturellen Elementen in den Selbstdarstellungen der „Autonomen Nationalisten“ markiert einen weiteren Bruch mit den etablierten Formen der neuen Rechten. Es benötigt nicht ausschließlich einer Rückbesinnung auf den historischen Nationalsozialismus, um sich im „nationalen Widerstand“ zu organisieren. Wenn Aufkleber mit Neonfarben, Sternen und englischen Slogans entworfen werden, sollte klar sein, dass „Autonome Nationalisten“ einen positiven Bezug zum Hier und Jetzt besitzen und keinen Führerkult pflegen müssen. Selbstbestimmung, Individualität und Beliebigkeit stehen der Vorstellung einer einheitlichen, disziplinierten und autoritären Gemeinschaft gegenüber. Verbunden werden diese Gegensätze zum Beispiel im „Straight Edge“-Gedanken. „Straight Edge“ entstand Anfang der 1980er in den USA. In Ablehnung zu einem selbstzerstörerischen und unkontrollierten Lebensstil innerhalb der Punk- und Hardcore-Subkultur entstand das Ideal eines Lebens ohne Drogen und Alkohol, tierische Produkte und häufig wechselnden Sexualpartner*innen. Marten Erlebach und Michael Meißner sind selbst von der Lebensweise des „Straight Edge“ überzeugt. So tauchte beispielsweise in Frankfurt (Oder) der Schriftzug „No Drugs – No Antifa“ auf. Im Vordergrund steht hier der Gedanke des „reinen“ Volkskörpers, der sich weder durch Drogen, Alkohol oder Medikamente zersetzen lässt, noch einer unkontrollierten Vermehrung ausgesetzt ist.
Hardcore- bzw. Punkmusik erfreut sich schon seit einigen Jahren großer Beliebtheit unter jungen Neonazis, so dass sie sich auch vom äußeren Auftreten kaum von anderen Jugendlichen unterscheiden lassen. Ein Irokesenschnitt ist genauso akzeptiert wie Piercings, Tattoos, zerrissene Hosen oder andere diverse jugendkulturelle Elemente. Das verbindende Element über alle Möglichkeiten der subkulturellen Ausdifferenzierung hinweg bleibt der völkisch-rassistische Nationalismus.

Jeffrey Windolf (links) und Martin Schlechte wissen am 24.März 2012 noch nicht, dass ihre Demonstration in Frankfurt (Oder) nicht weit kommen wird.

Jeffrey Windolf (links) und Martin Schlechte wissen am 24.März 2012 noch nicht, dass ihre Demonstration in Frankfurt (Oder) nicht weit kommen wird.

Querfrontstrategien und Widersprüche
Über den Versuch der „AN-OS“, sich innerhalb und außerhalb der rechten Szene zu verorten

Anders als die meisten Zusammenhänge von „Autonomen Nationalisten“ versuchen die „AN-OS“, sich an einem Diskurs über die Sinnhaftigkeit und Bedeutung des „nationalen Widerstands“ zu beteiligen. Hierbei lässt sich feststellen, dass sie selbst kaum imstande sind, eigene Positionen zu äußern, sondern sich eher auf Stellungnahmen und Beiträge anderer Gruppen beziehen. Außerdem wird ersichtlich, dass die „AN-OS“ ideologisch nicht eindeutig einordenbar sind. Eher wird eine Strategie der sogenannten „Querfront“ aufgegriffen, die sich Ideen des Nationalsozialismus, nationalen Sozialismus, sowie verschiedener linker Ideen bedient. Hierbei tun sich jedoch große Widersprüche auf.
Auf der aktuellen Internetseite erscheinen regelmäßig verschiedenste Beiträge zu einer Vielzahl von Themen. Dazu gehören Artikel der Zeitung „Fahnenträger“, welche sich selbst als „Diskussionsforum für nationalrevolutionäre und sozialistische Politik“ bezeichnet. In verschwörungstheoretischer Manier wird versucht, sich dem Thema „Antikapitalismus“ zu widmen, was sich in Vorstellungen von der Existenz einer „Koffeinmafia“ oder der antisemitischen Vorstellung einer „Knechtschaft des Zinseszins“ äußert. Oder es wird vor dem Verlust der „deutschen Souveränität“ in Anbetracht der Finanzkrise der Europäischen Union gewarnt. Weiterhin werden Solidaritätsbekundungen mit Neonazis in Tschechien geäußert, welche aktuell durch massive Angriffe auf Wohnorte von Sinti und Roma auf sich aufmerksam machen. Der Befreiung Libyens werden völkische Argumente entgegengesetzt, die in dem Diktator Gaddafis einen legitimen Führer der herbeihalluzinierten „libyschen Volksgemeinschaft“ sehen.
Anknüpfungspunkte an lokale Themen gibt es nur wenige, dazu gehört etwa der Versuch, Anschluss an die Anti-CO2 Bewegung zu gewinnen. Zwar gibt es keine inhaltliche Bezugnahme auf das Thema, jedoch herrscht die Vorstellung, selbst eine Deutungshoheit über dieses Thema innerhalb der Bewegung zu besitzen. Daraus resultieren Machtphantasien, die sich wie folgt äußern: „[…] aber Spenden die in ihre eigenen Taschen fallen sollten, werden wir als Verrat an den Protest sehen, und ihr werdet mit RWE und Vattenfall auf ein und die selbe Stufe gestellt“. 6 Danach wird gewohnt verbalradikal suggeriert, bei der Kritik der „AN-OS“ handele es sich um Antikapitalismus, der sich jedoch vollkommen verkürzt und beschränkt im Anprangern von Großkonzernen äußert. Auch für das Thema Atompolitik scheinen sich die Neonazis zu interessieren, doch hapert es an der öffentlichkeitswirksamen Umsetzung. Als nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima die Abschaltung aller Atomkraftwerke im Bundestag beschlossen wurde, tauchte wenig später ein Graffiti im Ortseingangsbereich von Eisenhüttenstadt auf. Dort war zu lesen: „AN-OS fordert: alle AKW’s abschalten!“.
Auf die geplante Neonazidemonstration am 24. September 2011 in Frankfurt (Oder), welche aus dem rechtsterroristischen „Blood and Honour“-Umfeld vorbereitet wurde, reagierte man auf der Internetseite mit eindeutiger Ablehnung.7 Es wurde zur nicht-Teilnahme an der Veranstaltung aufgefordert, da die Veranstaltenden ideologisch nicht tragbar seien. Die positive Bezugnahme auf die rechten Attentate in Norwegen sowie der veraltete Gestus in Form von deutschen Grüßen und „Ausländerhass“ wurde verurteilt. Gleichzeitig propagieren sie ständig einen völkisch-rassistischen Nationalstaat. Statt zu der Demonstration in Frankfurt, riefen sie zur Teilnahme an einer Demonstration in Neuruppin am selben Tag auf, welcher sie letztendlich nicht beiwohnten. Am 24.09. wurden im Stadtzentrum Frankfurts und in der Nähe des Bahnhofs vermehrt Neonazis der „AN-OS“ gesichtet. Andere Texte gehen auf die „Verwahrlosung“ der rechten Szene, u.a. durch Alkohol, Konsum- und Spaßgesellschaft und unkontrolliertes Sexualleben ein. Stattdessen soll sich auf den Kampf für die nationale Revolution konzentriert und vorbereitet werden. Es wird dazu aufgefordert, sich zu „bilden“ und sich körperlich zu ertüchtigen, einhergehend mit der Betonung der Wichtigkeit und Besonderheit des Einzelnen für das deutsche Volk. Michael Meißner bezeichnet diesen Vorgang auf seinem Youtube-Channel als „geistige Revolution“. Trotzdem tun sich Widersprüche auf, da auch fest eingebundene Personen regelmäßig Konzerte besuchen, dort mit anderen Kamerad*innen trinken oder selbst Feiern organisieren, bei denen sie dem auf der Internetseite vermittelten Selbstbild widersprechen. Ein anderer selbstgeschriebener Beitrag beschäftigt sich mit der Bedeutung der Neonazi-Kleidungsmarke Thor Steinar. Immer noch erfreut diese sich hoher Beliebtheit, gerade als einfaches Identifikationssymbol für nicht organisierte Neonazis. Jedoch wird in diesem Beitrag dazu aufgerufen, die Kleidungsmarke zu boykottieren, da sie in ihrem Augen ein kapitalistisches Großunternehmen darstellt, welches Kamerad*innen und Aktivist*innen ausnutzt, um sich selbst zu bereichern. Die geäußerte Kritik lässt sich jedoch nur bedingt auf die „AN-OS“ anwenden, da auch einige Anhänger*innen sich mit Kleidung der Marke Thor Steinar im Internet und auf der Straße selbst profilieren.
Bei Sprühereien, auf Aufklebern und Online-Veröffentlichungen der AN-OS wird oft mit dem Begriff „Volkstod“ gespielt. Neonazis bezeichnen damit „das Aussterben der deutschen Volksgemeinschaft […] durch Umvolkung, Abtreibung, „Emanzipation“, Homosexualisierung usw…“. 8 Dahinter stehen also völkische, rassistische, sexistische und homophobe Einstellungen. Die Neonazigruppierung „Spreelichter“ aus Südbrandenburg prägte die Parole „Die Demokraten bringen uns den Volkstod!“. In Anlehnung an rassenbiologische Ideen aus dem Nationalsozialismus wird gegen eine vermeintliche „Überfremdung des deutschen Volkes“ gewarnt. Bei anderen Neonazigruppierungen und auch unter „Autonomen Nationalisten“ erfreut sich diese Art der Argumentation hoher Beliebtheit.

Auf allen großen Events der rechten Szene dabei: Marten Erlebach, Tim Wendt/Schöneiche, Danny Zink und Robert Krause (von links nach rechts) am 14. Januar 2012 auf einer nationalen Gedenkdemonstration in Magdeburg.

Auf allen großen Events der rechten Szene dabei: Marten Erlebach, Tim Wendt/Schöneiche, Danny Zink und Robert Krause (von links nach rechts) am 14. Januar 2012 auf einer nationalen Gedenkdemonstration in Magdeburg.

Auch Neonazis wollen mal Feiern: Tim Wendt (links) auf einer Party im Herbst 2011.

Auch Neonazis wollen mal Feiern: Tim Wendt (links) auf einer Party im Herbst 2011.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die Ideologie der „Autonomen Nationalisten Oder-Spree“ – wenn man es als solche bezeichnen kann – eine in sich widersprüchliche und irrationale ist. Zumal die Vermutung nahe liegt, dass es sich um Einzelpersonen handelt, die sich um die Internetpräsenz der Gruppe kümmern, und nicht um eine in der Gruppe gereifte Meinung. Dazu kommt, dass die scheinbare thematische Offenheit und Vielseitigkeit es Sympathisant*innen und anderen Rechten in der Region einfach macht, Anschluss an die Gruppe zu finden.

David Schulz (links) und Jeffrey Windolf in Boxershorts und verbotenem Kühnen-Gruß.

David Schulz (links) und Jeffrey Windolf in Boxershorts und verbotenem Kühnen-Gruß.

Verbindungen zu anderen rechten Strukturen

Das Zusammenwirken von „Freien Kameradschaften“ und Parteistrukturen wie der NPD oder der DVU war schon immer wichtig für eine funktionierende und arbeitsfähige regionale Neonazistruktur. Allein schon aus personellen Gründen ist es den Parteien wichtig, einen guten Draht zu jungen Neonazis und deren Strukturen zu besitzen. Doch auch hier gibt es Widersprüche, die sich durch das Erscheinen der „Autonomen Nationalisten“ mehr denn je auftun. Die Gegensätze sind groß: Ein militant auftretender schwarzer Block passt nicht so recht zu der Bürgernähe, mit der sich die NPD verspricht, neue Wähler*innen zu gewinnen. Trotzdem nehmen sie gerade für unerfahrene Gruppen eine wichtige Position ein und sind oft Anlaufstelle, wenn es um Infrastruktur oder finanzielle Unterstützung geht. Auch die Jugendorganisation der NPD, die JN, hat es in einigen Gebieten erfolgreich geschafft, an den Stil der „Autonomen Nationalisten“ anzuknüpfen und ist Bestandteil der lokalen Gruppen geworden. In Mecklenburg-Vorpommern arbeiten „Autonome Nationalisten“, Freie Kameradschaften und die NPD, die seit 2006 im Schweriner Landtag sitzt, seit Jahren zusammen und erhalten so eine stabile, einflussreiche Neonaziszene aufrecht. In Südbrandenburg dagegen sind die Strukturen gespalten. Die „Spreelichter“, eine zum Teil dem Spektrum der „Autonomen Nationalisten“ zuzuordnende Gruppe, bezeichnet sich selbst als „antidemokratisch“ und hat kein Interesse mehr, mit den lokalen NPD-Strukturen zusammenzuarbeiten. Im Raum Eisenhüttenstadt und Frankfurt (Oder) kann man von einer Zusammenarbeit zwischen NPD und den „Autonomen Nationalisten Oder-Spree“ nur schwerlich ausgehen, da schlichtweg keine funktionierenden NPD-Strukturen existieren. Festzuhalten bleibt aber, dass es bei sich bietenden Gelegenheiten durchaus Bereitschaft seitens der „AN-OS“ gibt, die NPD zu unterstützen. So hängte der Frankfurter Marten Erlebach am 13. September 2009 zusammen mit Mitgliedern des NPD-Kreisverbandes Oderland Plakate für die anstehenden Landtagswahlen auf. Am 27. November 2010 ließen sich die Eisenhüttenstädter Michael Meißner und Martin Schlechte auf einer NPD Kundgebung in Schöneiche blicken. Vermutlich aber auch, um ihrem Gebietsanspruch im Landkreis Oder-Spree gerecht zu werden. Erwähnenswert ist auch das Auftreten der Kreistagsabgeordneten und Vorsitzenden des Kreisverbandes Oderland der NPD, Manuela Kokott. Die 43jährige, die auch den Posten der Schatzmeisterin im Landesverband und Vorsitzenden des Kreisverbandes Oderland der NPD inne hat, zeigte sich schon öfters mit schwarzem Windbreaker auf Demonstrationen. Scheinbar sucht sie die Nähe zu Mitgliedern der „AN-OS“; so ist sie auch schon des Öfteren mit Michael Meißner oder Marten Erlebach auf Veranstaltungen, unter anderem am 19. Februar 2011 in Dresden, unterwegs gewesen.
Des Weiteren pflegen die „Autonomen Nationalisten Oder-Spree“ zu anderen rechten Strukturen gute Kontakte. Dazu zählen Neonazis aus Berlin, die sich im Umfeld des „Nationalen Widerstandes“ Berlin befinden.
Außerdem versuchten am 22. Januar 2011 die Eisenhüttenstädter Michael Meißner, Martin Schlechte sowie der Frankfurter Marten Erlebach, an einer Anti-Gentech-Demonstration in Berlin, zusammen mit ortsansässigen Neonazis, teilzunehmen. In diesem Jahr war der 18jährige Frankfurter Neonazi Robert Krause zusammen mit Aktiven des „Nationalen Widerstandes „Berlin an einem erneuten Versuch beteiligt, an der Anti-Gentech-Demonstration teilzunehmen. Beide Male konnte deren Teilnahme durch engagierte Antifaschist*innen verhindert werden.
Am 01. Mai 2010 kam es zu einem Versuch einer Spontandemonstration von ca. 300 Neonazis auf dem Kurfürstendamm in Berlin. Die Teilnahme von Danny Zink, David Schlegel, Michael Meißner sowie Michael Hecke zeugt erneut von einem gewissen Vernetzungsgrad mit den der militanten Neonazistruktur „Nationaler Widerstand“ aus Berlin.
Des weiteren gibt es gute Kontakte zu der Neonazigruppierung „Freie Kräfte Neuruppin“. Bei einer Demonstration am 27. März 2010 fungierten Marten Erlebach und Michael Meißner als Ordner. Die beiden Gruppierungen scheinen sich in der Organisation ihrer Aktivitäten zu unterstützen. Freundschaften pflegen einige Mitglieder der „Autonomen Nationalisten Oder-Spree“ auch zu Neonazis aus Perleberg. Beide Gruppen warben auf ihren Internetseiten für einander. Außerdem ist mindestens ein Neonazi aus Perleberg des Öfteren in Eisenhüttenstadt anzutreffen. Am 30. Mai 2009 wurde eine nicht angemeldete Demonstration von der Polizei aufgelöst. Dabei wurden Fahnen mit der Aufschrift „Eisenhüttenstadt“ sowie „AG Wiking Perleberg“ beschlagnahmt. 9

Robert Krause (mitte) als einziger Vertreter der AN-OS bei einer NPD-Demonstration am 31. März 2012 in Brandenburg/Havel.

Robert Krause (mitte) als einziger Vertreter der AN-OS bei einer NPD-Demonstration am 31. März 2012 in Brandenburg/Havel.

Die Gruppierung „Autonome Nationalisten Oder-Spree“ stellt eine neue Qualität von neonazistischer Jugendkultur in Frankfurt (Oder) und Eisenhüttenstadt dar. Ein hoher Aktionismus und ein jugendkultureller Gestus machen sie prinzipiell zu einer interessanten Anlaufstelle für gewaltbereite, rechtsoffene Jugendliche. Jedoch hat sich die Gruppierung weder inhaltlich entwickelt, noch personell merklich verstärkt. Ihr Aktivismus beschränkt sich lediglich auf Propagandaaktionen und Ausflügen zu Neonaziaufmärschen. Außerdem erschweren fehlende lokale NPD-Strukturen den Aufbau.
Jedoch ist in letzter Zeit eine erhöhte Präsenz in den Straßenbildern anderer Städte im Landkreis Oder-Spree zu vernehmen. In Storkow, Beeskow oder Erkner tauchten immer wieder Sprühereien mit rechtem Inhalt, unterschrieben mit „AN-OS“ auf. Wahrscheinlich handelt es sich dabei eher um eine Form von „Reviermarkierung“, um den Anspruch einer regional aktiven Gruppierung im Raum Oder-Spree gerecht zu werden. Es wird weiterhin notwendig sein, die Aktivitäten der „AN-OS“ aufmerksam zu beobachten.

Nachtrag: Am 9. März 2012 berichtete die Recherchegruppe über Michael Meißners vermeintlichen Ausstieg aus den „AN-OS“. Private Gründe, Probleme mit der Antifa und inhaltliche Differenzen mit dem „Nationalen Widerstand“ zwingen den Eisenhüttenstädter, seine Tätigkeiten aufzugeben. Ob er sich wirklich aus der Gruppierung zurückzieht, ist äußerst fraglich. Einen ausführlichen Bericht der Recherchegruppe gibt es unter: https://recherchegruppe.wordpress.com/2012/03/09/an-os-nun-ohne-michael-meisner/

1 Die *Gender Gap* wird im Folgenden verwendet; sie dient der Aufhebung geschlechtsspezifischer Zuordnungen. So werden auf sprachlicher Ebene alle sozialen Geschlechter berücksichtigt.
2 http://de.indymedia.org/2009/08/259525.shtml” title=”http://de.indymedia.org/2009/08/259525.shtml
3 http://www.widerstand.info/689/ueber-freien-und-autonomen-nationalismus (abgerufen am 07. April 2012).
4 https://recherchegruppeffo.noblogs.org/post/2009/09/15/npd-haengte-wahlwerbung-in-frankfurt/
5 https://recherchegruppeffo.noblogs.org/post/2010/08/22/frankfurter-neonazi-in-berlin-verurteilt/https://recherchegruppe.wordpress.com/2010/08/22/frankfurter-neonazi-in-berlin-verurteilt/
6 Internetseite der AN-OS.
7 https://recherchegruppeffo.noblogs.org/post/2011/08/15/zeitreise-blood-honour-demo-am-24-september-in-frankfurt-oder/
8 „metapedia – eine internationale Enzyklopädie von und für Neonazis“.
9 Vgl. Bericht im neonazistischen Forum „Thiazi“.

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10th Mai
2012
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Frankfurt (Oder) zum Anfang des Jahres 2012: viele Dinge haben die Bürger*innen der Oderstadt im vergangenen Jahr wieder beschäftigt. Die Diskussion um die Straßenbahn nach Słubice ist im vollen Gange, im Sommer fand das große Feuerwehrfest im Stadtzentrum statt, und die vielen Baustellen erregen wieder die Gemüter. Vieles geschah und doch scheint alles beim Alten geblieben.

Die rechtsgerichtete Anhängerschaft des Frankfurter Fußballclubs „FFC Viktoria 91 e.V.“ scheint es nicht mehr zu geben und auch ein neuer rechter Bekleidungsladen lässt auf sich warten. Alles ruhig in Frankfurt (Oder)? Leider nicht!

Frankfurt (Oder) im Jahre 2012, eine Stadt mit einem rechten Problem. Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu Übergriffen auf Menschen, welche eine andere Hautfarbe haben, nicht deutsch sprechen, bunte Haare haben oder einfach nicht in das rechte Weltbild von einigen Frankfurter Bürger*innen passen. Das antisemitische Potenzial entfaltete sich zuletzt Ende Oktober, als der erst neueröffnete jüdische Friedhof am Südring Ziel von neonazistischen Propagandaaktionen war. Zudem existiert in Frankfurt (Oder) eine große neonazistische Subkultur. Bezeichnend ist eine statistische Auswertung des antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum (apabiz e.V.) aus Berlin. Es wertete Bestelldaten von insgesamt acht gehackten Online-Versandhäusern aus, die als einschlägig rechts bekannt sind. Auf einer Rangliste nach Landkreisen sortiert nimmt Frankfurt (Oder) bundesweit den vierten Platz ein. Außerdem schien Frankfurt (Oder) im Jahre 2011 ein guter Ort für neonazistische Freizeitgestaltung zu sein. Laut dem aktuellen Verfassungsschutzbericht fanden mindestens zwei Konzerte statt, die von und für Neonazis organisiert wurden. Auch wenn dies oft im Verborgenen stattfindet, ist eine Ideologie der Ungleichwertigkeit bei einem Großteil der Frankfurter*innen auszumachen, und auch wenn viele dies nicht artikulieren, werden doch einige von ihnen zu rassistischen Täter*innen. Der Verein Opferperspektive Brandenburg registrierte 2011 insgesamt 11 rechtsgerichtete Übergriffe. Damit nimmt Frankfurt (Oder) die traurige Spitzenposition in Brandenburg ein.1 und 2

1 http://inforiot.de/artikel/wo-wilden-nazis-wohnen
2 http://inforiot.de/artikel/anzahl-rechter-angriffe-brandenburg-weiterhin-hoch

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10th Mai
2012
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Bis zu 600 Antifaschist*innen und Bürger*innen aus Frankfurt (Oder) haben am 24. März einen geplanten Neonaziaufmarsch in Frankfurt (Oder) mit Massenblockaden verhindert.

Statt vom Bahnhof Richtung Innenstadt, gingen die Nazis über einen eigentlich für Fußgänger*innen gesperrten Trampelpfad zum Stadion der Freundschaft, um dort offiziell ihre Demonstration zu beginnen. Obwohl sich im Vorfeld Polizei und Neonazis offensichtlich auf eine Ausweichstrecke einigen konnten, musste die 130 Neonazis nach nur wenigen hundert Metern den Rückzug antreten.

Trauriger Auftakt der „Aktion Kleeblatt“

Die geplante Demonstration sollte den Auftakt der angekündigten „Aktion Kleeblatt“ bilden: Vier Neonazidemonstrationen sind in den nächsten Wochen in Brandenburg geplant, um mit rassistischen und neonazistischen Slogans gegen die EU zu hetzen. Neben Frankfurt und Brandenburg/Havel, wo engagierte Antifaschist*innen die Aufmärsche erheblich beeinträchtigten, soll es am 12. Mai in Cottbus und an einem bisher unbekannten Tag in Potsdam eine weitere Demo stattfinden. Augenscheinlich versuchen die Neonazis, im Vorfeld der anstehenden Wahlen zum Bundestag und zum Brandenburger Landtag 2013 und 2014 in die Offensive zu gehen und die parlamentarische Lücke zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen zu schließen; dort sitzt die NPD seit 2006 bzw. 2004 im Landtag.
Die Neonazis scheinen sich jedoch selbst nicht mehr sicher zu sein, ob die Aktion den versprochene Erfolg liefern wird: Nach dem Desaster in Frankfurt, wo Klaus Beier zunächst noch den Beginn der Kampagne verkündete, wurde in Brandenburg/Havel das Projekt offiziell erneut gestartet.[1]

NPD und „Freie Kräfte“ im Zusammenspiel?

Schon im Vorfeld der Demonstration versuchten NPD-Strukturen und die Kameradschaft „Freundeskreis Nordbrandenburg“, Einigkeit zu demonstrieren. Auf einem Flyer, welcher jedoch nur im Internet kursierte und in Papierform nie gesehen wurde, wurde angegeben, dass die NPD und „Freie Nationale Strukturen“ den Aufruf unterstützen. Jedoch steht hinter dem Symbol „Freie Nationale Strukturen“ weder eine Organisation, noch eine bestimmte Kameradschaft. Das Ziel der Neonazis schien es gewesen zu sein, damit möglichst viele Neonazis aus dem Partei- und Kameradschaftsspektrum zu mobilisieren. Dieser anvisierte Schulterschluss konnte kaum realisiert werden: nur etwa 130 Neonazis kamen am Frankfurter Bahnhof an. Für den lokalen Strukturaufbau wurde, sowohl am Tag selbst als auch im Vorfeld, nicht viel getan. Offensichtlich wurde Frankfurt vor allem aufgrund der Grenze zu Polen als Aufmarschort ausgesucht.

Am 24.3. waren NPD-Funktionäre und ihr Umfeld zahlenmäßig sogar unterrepräsentiert. Zwar konnten mit Udo Voigt und Klaus Beier zwei prominente NPD-Gesichter aus der Region als Redner für die Demo gewonnen werden, die Verantwortlichkeiten übernahmen größtenteils Neonazis aus verschiedensten nicht parteigebundenen Strukturen. Ein weiterer Teil von NPD-Sympathisant*innen wurde bereits in Fürstenwalde von unbekannten Personen an der Abfahrt gehindert.

Ansturm Frankfurter Neonazis blieb aus

Fünf Jahre nach dem letzten lokalen Neonazigroßevent, fiel die Beteiligung von Neonazis aus Frankfurt (Oder) schwach aus. Weder die FCV Hooligans, noch die „Autonomen Nationalisten Oder-Spree“ traten geschlossen auf. Andreas Köbke, verurteilter Gedenksteinschänder, ließ sich als Einziger von den FCV-Hooligans blicken. Der Frankfurter Neonazi Mario Schreiber fungierte als Ordner. Aus Eisenhüttenstadt reisten Martin Schlechte, Jeffrey Windolf, und die beiden EFC Stahl und BFC Hooligan Danny Zink und Ramon Wellemsen aus Eisenhüttenstadt gemeinsam mit einem Transparent der AN-OS an, welches jedoch nicht gezeigt wurde. Die beiden Frankfurter Anhänger der lokalen Neonazigruppierung, Marten Erlebach und Robert Krause, blieben der Versammlung fern. Weitere Frankfurter Neonazis die sich an dem versuchten Aufmarsch beteiligten, waren, neben sieben anderen, Eric Hempel und Johnny Schmidt.

Sebastian Schmidtke blieb nach Hausdurchsuchung zu Hause

Die Führingsfigur der Berliner Neonaziszene hatte am 22. März eine Hausdurchsuchung in seiner Wohnung in Berlin Schöneweide, welche letztendlich wohl auch dafür verantwortlich war, dass er selbst nicht nach Frankfurt kam. Trotzdem gab es einige Anzeichen dafür, dass er zu dem Organisator*innenkreis für den 24.März gehörte, wenn nicht sogar als Anmelder geplant war. Robert Gebhardt, Führungsfigur des „Freundeskreis Nordbrandenburg“ und der ehemalige Strausberger Sebastian Schmidtke kennen sich sicher noch aus Zeiten des „Märkischen Heimatschutzes“, welche im Jahre 2006 verboten wurde. Ein weiterer Hinweis darauf, dass Schmidtke in die Organisation der Demonstration involviert war, ist, dass er sich am Samstag, den 17. März, mit Robert Gebhardt in Strausberg traf. Schmidtke, der jetzt in Berlin wohnt, zeichnet sich dadurch aus, dass er in den letzten zwei Jahren alle Neonazidemonstrationen in Berlin angemeldet hat. Darüber hinaus schaffte er es des Öfteren eine gewisse Geheimhaltungstaktik mit der Polizei zu fahren, damit die geplanten Aufmärsche möglichst störungsfrei ablaufen. In Frankfurt sah die Situation am 24. März ebenfalls danach aus. Schon zwei Stunden vor dem offiziellen Beginn der Neonazidemo, konnte ein massives Polizeiaufgebot auf dem Vorplatz des Stadions und in der Walter-Korsing-Straße beobachtet werden. Dass dies mit der Polizei abgesprochen war, um so den Gegenprotesten und geplanten Massenblockaden zu umgehen, ist offensichtlich und erinnert sehr an Schmidtkes Vorgehen der letzten zwei Jahre bei Neonazidemonstrationen in Berlin.

In der Walter-Koring-Straße war Schluß: Sichtlich frustiert waren die Neonazis wie die NPD-Kader Udo Voigt und Uwe Meenen (m. Sonnenbrillen rechts) am 24. März.

In der Walter-Koring-Straße war Schluß: Sichtlich frustiert waren die Neonazis wie
die NPD-Kader Udo Voigt und Uwe Meenen (m. Sonnenbrillen rechts) am 24. März.

Quellen

[1] http://npd-brandenburg.de/projekt-%E2%80%9Ekleeblatt%E2%80%9C-gestartet-demonstration-%E2%80%9Eraus-aus-dem-euro%E2%80%9C-in-brandenburg/

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10th Mai
2012
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Lange Zeit war es ruhig in Frankfurt (Oder), was die lokale und regionale Neonaziszene anbetrifft. Von Übergriffen oder Propagandaaktionen wurde in den Medien nur selten berichtet. Die sogenannten FCV-Hooligans machten kaum noch von sich reden. Die NPD-Ortsgruppe ist weiterhin nicht mehr als ein Briefkasten. Kurzum: organisierte rechte Strukturen konnten in Frankfurt kaum ausgemacht werden. Die Gründe dafür sind sicher vielfältig. Es fehlen charismatische Führungskräfte, die zu einer Etablierung neonazistischer Strukturen hätten beitragen können. So blieben die Nazis versprengt und unorganisiert. Einige der Aktivsten aus dem Umfeld der FCV-Hooligans stehen mit einem Bein im Gefängnis oder sind weggezogen.

Nicht zuletzt hat antifaschistische Aufklärungsarbeit, wie sie auch die antifaschistische Recherchegruppe Frankfurt (Oder) betreibt, einen Anteil daran, dass es ruhiger wurde um Frankfurts Neonazis. Dies scheint sich nun wieder geändert zu haben. Anlass genug, ein neues Recherche Output zu veröffentlichen.

Aus dem Spektrum der „Autonomen Nationalisten“ heraus etabliert sich zunehmend auch in Frankfurt (Oder) und Eisenhüttenstadt eine solche Struktur. Den „Autonomen Nationalisten Oder-Spree“ (AN-OS) ist daher ein Großteil dieser Ausgabe gewidmet. Auch die Nazis aus dem Umfeld der FCV-Hooligans wurden wieder aktiver. So traten sie bei sogenannten „Risikospielen“ beispielsweise gegen SV Babelsberg 03 wieder durch rassistische und antisemitische Sprechchöre in Erscheinung. Beim 2. Krombacher Hallenturnier attackierten sie die als linksalternativ geltenden Fans von Tennis Borussia Berlin.

Anstelle der bisherigen Rubrik „Wer war nochmal…?“ findet sich in dieser Ausgabe des Recherche Outputs an selber Stelle eine allgemeine Einschätzung zu der Lage in Frankfurt und Umgebung. Eine Chronik ist auch dieses Mal vorzufinden; sie umfasst uns bekannt gewordene Übergriffe und Propagandaakte der letzten 1 1/2 Jahre.

Eine ausführliche Erfassung ist hier zu finden.

Und als wir mit der Fertigstellung dieser Ausgabe in den letzten Züge waren, versuchten Nazis seit vielen Jahren, mal wieder durch Frankfurt zu marschieren. Daher natürlich auch von uns, ein Bericht über die Demonstration vom 24.03.2012. Zwei Wochen nach der verhinderten Demonstration tauchte eine ausführliche Übersicht anwesender Neonazis im Internet auf.

Eine Online Version des Rechercheoutput #5 kann direkt hier heruntergeladen (PDF-Datei) werden.

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